Sagen aus dem Berchtesgadener Land
 

Der grausame König Watzmann

In alter Zeit herrschte im Berchtesgadener Land ein König namens Watzmann. Er hatte ein grausames Herz und liebte weder Tiere noch Menschen. Was er dagegen liebte war die Jagd. mit Hunden und Hörnerschall durchstreifte er die Wälder und hetzte das Wild. Auch seine Frau und seine Kinder hatten Spaß daran, das Wild zu verfolgen und es dann von Hunden zerfleischen zu lassen.

Eines Tages veranstalteten sie wieder eine Jagd. Mit Geschrei und Hörnerblasen jagten sie zum Schloss hinaus durchs Dorf. Da saß gerade eine alte Frau vor ihrem Häuschen und wiegte ihr Enkelkind. König Watzmann lenkte sein Pferd zur Hütte und zerstampfte die alte Frau und das Kind. Entsetzt kamen der Bauer und seine Frau herausgelaufen, aber da ereilte sie das gleiche Schicksal. König Watzmann, seine Frau und die sieben Kinder lachten nur, als sich die Hunde auf die armen Leuten stürzten.

Im Sterben hob die junge Frau die Hand und verfluchte den König. "Die Strafe wird euch ereilen", flüsterte sie, "Gott wird euch in Felsen verwandeln."

Kaum hatte sie den Fluch ausgesprochen, als auch schon die Erde erbebte. Ein Sturm brach los und die Grausamen wurden zu Stein. König Watzmann, seine Frau und die sieben Kinder wurden zu Felsen verwandelt. Und als ewiges Wahrzeichen blicken sie herab ins Berchtesgadener Land.

Bertold und die Seejungfrau

Die Zeit, wo sich verzauberte Frösche, verhexte Zwerge oder gebefreudige Elfen unters Volk mischten, sind vorbei. Als es noch so war, wurde auch einem armen Jägerburschen geholfen. Der junge Mann hieß Bertold und hatte sich in die Tochter des Jägers verliebt, bei dem er im Dienst stand. Als nun der alte Jäger starb, wurde Bertold entlassen, und weil er keinen Verdienst mehr hatte, konnte er sich nicht um das reiche Mädchen bewerben.

Traurig zog Bertold durch die Wälder. Eines Tages kam er an den Königsee. Wie er nun so traurig am Ufer saß, sah er einen Schwan herankommen, der eine Krone auf dem Kopf hatte. Direkt vor ihm tauchte der Schwan, und im nächsten Augenblick stand eine Seejungfrau vor Bertold. Und da Seejungfrauen schon von Berufs wegen milde sind, fragte sie ihn nach seinem Kummer. Er erzählte ihr von seiner Armut, und dass er das Mädchen seiner Liebe nicht heiraten könne.

Da nahm die Seejungfrau ihn mit in ihr unterirdisches Reich, wo in riesigen Klüften und Höhlen das Gold der Berge lag. Bertold durfte sich davon nehmen soviel er nur wollte. Er griff mit beiden Händen zu. Die Seejungfrau brachte ihn wieder zurück ans Ufer, und als er sich bedanken wollte, war sie verschwunden. Nur ein Schwan glitt durch das Wasser.

Der Jäger war überglücklich. Er heiratete sein Mädchen, und alles schien gut zu sein. Aber bald wurde er übermütig; er spielt, trank und vertat das Geld, und eines Tages waren sie so arm wie nie zuvor.

Verzweifelt irrte Bertold durch die Wälder. Und wieder kam er an den Königsee, und wieder erschien ihm die Seejungfrau. Aber sie bot ihm kein Gold mehr, sondern sie zeigte ihm die reichen Salzlager in den Bergen. Hier sollte er als Bergmann schürfen und sich durch harte Arbeit sein Brot verdienen.

Das tat er. Aus ihm wurde ein fleißiger Mann, und er erarbeitete sich bescheidenen Wohlstand. Seine Söhne nannten nach ihm den Ort, in dem sie wohnten, Bertoldsgaden. Daraus soll später Berchtesgaden geworden sein.

Sagen aus dem Inntal und rund um den Wendelstein

Die Gundel vom Heuberg

Der Hausberg des südöstlichen bayerischen Inntals ist der Heuberg.  Sagenumwoben ist dieser Berg, der drei Hauptgipfel aufweist.

Einst hatte ein Bauer aus Nußdorf auf einem einsamen, sonnendurchfluteten Wiesenboden an der Südwestseite des Berges eine fette Alm. Ein herrlicher Bergkranz beschirmte das Idyll, das eine hartherzige Sennerin  mit dem Namen Gundel bewirtschaftete . In einer Jahreszeit, wo der Duft von frischem Bergheu um ihre Nase strich, war sie damit beschäftigt, aus dem Backofen der Sennhütte Brot herauszunehmen. Da kam plötzlich ein armer alter Mann über den Steig und bat sie inniglich um ein Stückchen Brot. Barsch wies ihn die hartherzige Gundel ab und sagte: "Ich habe kein Brot im Ofen". Dann hob sie einen Stein vom Boden auf und hielt ihn dem Bettler hin mit den Worten: "Das ist alles was ich habe. Sollte ich nicht die Wahrheit sagen, so soll ich in einen solchen Stein verwandelt werden".

Kaum hatte sie dies gesagt, da zog vom Wendelstein her ein schweres, schwarzes Gewitter auf, das den Himmel ganz verfinsterte. Ein entsetzlicher Blitz schlug ein. Als es sich wieder aufhellte, waren die grünen Almwiesen verschwunden. Kein Grashalm wuchs mehr. Die mitleidlose Sennerin und der Backofen mit dem Brot standen versteinert auf der kahlen Bergleite. Denn der arme alte Mann ist der liebe Gott selbst gewesen.

Dort steht sie heute noch oben vor dem versteinerten Backofen bis zum jüngsten Tag, zur Warnung für alle, die kein Herz für arme Menschen in ihrer Not haben.

Wie der Wendelstein zu seinem Namen kam

Am Wendelstein gab es früher eine Reihe von Höhlen, von denen aber heute die meisten eingefallen sind oder von dichtem Gestrüpp aus Haselgebüsch und Latschen bedeckt sind. In ihnen sollen reiche Schätze verborgen gewesen sein: Gold, Silber und Edelsteine, die von Bergmandln sorgsam gehütet und bewacht wurden. Diese kleinen Männer waren meist recht gutartig und hilfsbereit. Verstieg sich ein Hirte in der Wand, halfen sie ihm herunter. Nachts wanderten sie über die Höhen und stellten sich in den höher gelegenen Almen und Sennhütten ein. Sie verrichteten dort ganz still Arbeiten, die den Sennerinnen und Hüterbuben zu viel geworden waren. Ehe sie die Sennhüten verließen, ließen sie den rechtschaffenen und arbeitsamen Mägden das eine oder andere Schmuckstück, auch einmal eine gleißende Goldmünze als Geschenk zurück.

Ein Hüterbub konnte das Geheimnis der unverhofften Geschenke nicht bei sich behalten und erzählte von den seltsamen Überraschungen im Tal. Ein paar habgierige Leute wollten hinter das Geheimnis der verborgenen Schätze kommen. Voller Goldgier machten sie sich auf den Weg zum Wendelsteingipfel.

Lange beobachteten sie die Bergmandln, schlichten ihnen nach und fanden in Abwesenheit der Schatzwächter die Höhlenverstecke. Voller Hast stürzten sie sich auf das Geschmeide und die Edelsteine. Da rumpelte und donnerte es; statt der vermeintlichen Schätze hielten sie nur Eisensteinbrocken in den Händen. Von Stund an aber waren die hilfreichen Bergmandln verschwunden.

Der Berg aber, auf dem die Schätze zu Stein sich "wandelten", bekam den Namen "Wendelstein".

Der Teufel und der Erler Wind

Der Erler Wind bläst am Vormittag ungestüm durch das bayerische Inntal und bewirkt, wenn er nicht bis spätestens mittags umdreht und dann in Richtung Tirol stürmt, einen Wetterumschwung.

Von der Entstehung dieses Windes erzählt man sich folgendes:
Der Teufel schloss sich einst dem Wind an. Sie jagten beide wie die wilde Jagd durch das Inntal. Als sie auf der Höhe von Windshausen-Kirnstein waren, schrie der Teufel dem Wind zu: "Warte hier, ich komme gleich wieder. Ich muss nur in Erl noch schnell etwas erledigen". Augenblicklich war der Teufel nach Süden verschwunden. Der Erler Wind aber wartet heute noch auf die Rückkehr des Teufels.

Der feurige Tatzelwurm

Einst lebten in Fischbachau ein Mädel und ein Bursch, die sich innig liebten. Die beiden aber konnten nicht zusammenkommen, weil es ihre bis aufs Blut verfeindeten Väter nicht zuließen.

Der alte Kräuter-Hias, an den sich die beiden ihrem Kummer wandten, wusste Rat: "Da hilft nur noch, Blut dem feurigen Tatzelwurm, der im hintersten Bergloch haust, abzuzapfen und den zwei alten Knackern, wenn sie schlafen, aufs Hirn zu schmieren." Nun ist eine solche Unternehmung immer ein Wagnis! Doch, Not bricht bekanntlich Eisen, Liebesnot alles! Die beiden machten sich auf den Weg zur Drachenhöhle. Sie fanden den Tatzelwurm in festem Schlaf. Der Bursch zapfte geschwind dem im Schwefeldampf daliegenden Untier das Blut ab und suchte das Weite. Auch gelang es den beiden, die Häupter ihrer Väter mit dem Drachenblut zu beschmieren. Das Blut tat seine Wirkung. Die zwei alten Knacker waren auf einmal wie umgewandelt. Ihre Kinder aber wurden ein glückliches Paar.

Wilde Schiffsleute auf dem Inn

Wenn gegen Abend ein Schiffszug mit seinen bis zu vierzig an den Hohenauern, Plätten und Zillen vorgespannten Pferden, die im seichten Uferwasser dahinstapften, und mit seinen Schiffsleuten und Pferdeknechten den Inn heraufkam und Flintsbach erreichte, dann ging man an Land, spannte die Rösser aus und versorgte sie, und auch die Schiffer kümmerten sich danach um ihr eigenes leibliches Wohl. Nach einem kräftigen Abendessen hüllten sie sich in ihre Decken und nächtigten in den Innauen. So war es auch einmal in einer stockfinsteren Nacht, dass rund um den Lagerplatz am Fluss nur noch das gelegentliche Stampfen eines Pferdes und das Plätschern des Inns zu hören war.

Doch da setzte noch ein kleiner Muzen über den Inn. Es war ein alter Bauer aus Flintsbach, der zu so später Stunde heimwärts trachtete. Er hatte Verwandte in Nußdorf drüben besucht, und weil man sich so selten sah, war man lange zusammen gesessen. Deshalb war es jetzt schon Mitternacht geworden, als er mit kräftigen Ruderschlägen das heimatliche Ufer erreichen wollte. Plötzlich hörte der Mann im Schifflein ein lautes Schreien durch das Rauschen des Wassers. Es waren Rufe, mit denen die Innschiffer ihre Pferde aufzumuntern und anzutreiben pflegten: "Laschiooo! Rei-tiooo! Reitiooo! Wia, hooo! Wia, hooo!" Schaurig klang das durch die Nacht. "Sollte denn jetzt noch ein Schiffszug den Inn heraufkommen? Das war doch in dieser Finsternis völlig ausgeschlossen!" dachte der Alte in seinem Kahn, und er horchte noch angestrengter in die Dunkelheit.

Nun drangen die Rufe wieder ganz deutlich an sein Ohr. Auch heftiges Peitschenknallen mischte sich jetzt darein. Kein Zweifel, da mussten noch Schiffsleute auf dem Fluss unterwegs sein!

Über dem Wasser war inzwischen dicker Nebel aufgestiegen und seine Schwaden wogten hin und her. Ein starker Wind brachte die Erlen und das Gebüsch am Ufer ins Schwanken. Der wilde Lärm aber zog immer näher heran. Der Bauer in seinem Nachen erkannte die drohende Gefahr, dass er mit dem Schiffszug zusammenstoßen oder unter die Hufe der Rösser kommen könnte. Drum legte er sich mit Leibeskräften in die Ruder in der Hoffnung, dem heranbrausenden Unglück doch noch entrinnen zu können.

Gott sei Dank! Er war gerade noch rechtzeitig ans rettende Ufer gesprungen und hatte sich eiligst im Dickicht versteckt. Von dort aus sah er, dass der Inn nun mit gefährlich hohen Wellen dahineilte, und darüber huschten dunkle Schatten. Es waren wilde Burschen auf schnaubenden Gäulen, die mit geschwungenen Peitschen an ihm gespenstisch vorüberhetzten. Der dicke Nebel schien sie gleich darauf zu verschlucken, aber ihre gottlosen Flüche und das Knallen der Peitschen sowie das Brausen des aufgewühlten Wassers vernahm der alte Mann in seinem Versteck noch eine ganze Weile. Es ist ihm vor Angst kalt über den Rücken gelaufen und die Haare sträubten sich ihm unterm Filzhut. Am ganzen Körper zitterte er wie Espenlaub.

Endlich war der Spuk vorbei. Die schwarzen Wolken am Himmel rissen auf und waren bald ganz verschwunden. Ein friedlicher Mond schien herab auf die wieder still dahinziehenden Wellen des Inns. In den Innauen ringsum war wieder nur das Schnauben der ruhenden Pferde zu hören, die sich am Abend mit ihren Männern hier niedergelassen hatten.

Schlimme, gottlose Gesellen waren da schon auf manchem Innschiff! Nichts war vielen dieser Burschen mehr heilig. So hielten es die Leute für eine gerechte Strafe Gottes, als wieder einmal bei Hochwasser ein Schiff das Fahrwasser verfehlte, das ja immer wieder wechselte und im breiten Innbett nur selten an der gleichen Stelle verlief wie bei einer früheren Fahrt. Auf die wüsteste Weise fluchend konnten die Schiffer nicht verhindern, dass ihre Plätte auf eine Sandbank lief. Mit langen Stangen sich schrecklich plagend brachten sie sie schließlich doch wieder in die Strömung. Aber da drehten reißende Wellen, die krachend gegen die Schiffsbalken schlugen, das Gefährt im Kreis herum, und schon riss ein großer Felsbrocken dicht unter der wild bewegten Wasseroberfläche ein großes Loch in den Schiffsbauch. Im Nu schlug das Schiff voll Wasser und gurgelnd versank es mitsamt seiner tollen Besatzung. Keiner konnte sich im hochgehenden Inn retten.

Die armen Seelen der Ertrunkenen fanden keine Ruhe im Jenseits. Unter der Nußdorfer Brücke hört man oft das Getöse eines vorbeirauschenden Schiffszugs und das Geschrei dieser Schiffer. Der Lärm kommt aber immer erst nach dem Gebetläuten. Oft hört sich das Geschrei an, als säßen Betrunkene in einer Spelunke beim Zechen, oft klingt es wie ein Gewinsel ganz schaurig durch den Abendfrieden. Wenn man da gerade in den Innauen dazukommt, muß man sich gleich auf den Boden werfen mit dem Gesicht nach unten und muß die Arme überkreuz vor die Brust legen, sonst könnte es sein, dass die wilden Schiffsleut' einen mitnehmen auf Nimmerwiederkommen.

Quelle: Einmayr Max, Inntaler Sagen, Sagen und Geschichten aus dem Inntal zwischen Kaisergebirge und Wasserburg